Deutsches Auswandererhaus erhält Neubau

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Migrationsmuseum gestaltet sich neu – inhaltlich wie architektonisch

Visualisierung der Erweiterung des Deutschen Auswandererhauses
Bremerhaven. Architektur: Andreas Heller Architects & Designers,
Hamburg.

Mit mehr als zwölf
Millionen Euro fördern der Bund und das Land Bremen die zweite
Erweiterung des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven. Diese besteht
neben der Erneuerung der Dauerausstellung und der Errichtung eines neuen
„Pop Up-Museums“ auch in der Gründung der „Academy of Comparative
Migration Studies (ACOMIS)“. Die Museumserweiterung erfolgt während des
laufenden Betriebes und soll bis zum Frühjahr 2021 vollendet sein.

Die Intensität von Einwanderungsdebatten ist in den
letzten beiden Jahrzehnten in Deutschland wieder gestiegen. Dabei steht
im Mittelpunkt die Frage: Wie wollen wir unser Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland gestalten?
Spät stellt sich dieses Land, das seit Jahrhunderten Einwanderer
aufgenommen hat, diese Frage. Um so heftiger und oft unsachlicher wird
sie nun gerade diskutiert. Rassismus und Gewalt haben zugenommen.
Was kann ein Migrationsmuseum wie das Deutsche
Auswandererhaus zu dieser gesellschaftlichen Situation nachhaltig
beitragen? Bisher zeigt das Haus 300 Jahre Aus- und
Einwanderungsgeschichte. Mit dem neuen Dauerausstellungsteil verfolgt
das Museum das Ziel, zu zeigen, dass Konflikte in
Einwanderungsgesellschaften zum Alltag gehören. Die Frage ist nur: Wie
können Konflikte so ausgehandelt werden, dass die Rechte aller bewahrt
werden? Dafür konzipiert das Museum unter anderem einen neuen
Ausstellungsraum: Es werden unterschiedliche Migrationskonflikte in
Geschichte und Gegenwart vorgestellt, die sich an Themen wie Wohnraum,
Lohngleichheit sowie sozialer und kultureller Gleichberechtigung
entzündet haben. Dargestellt werden diese Konflikte emotional, rational
und multiperspektivisch: Alle, die daran beteiligt sind, kommen zu Wort.
Ebenso werden verschiedene Expert*innen rückblickend Konflikte
analysieren, aber auch in die Zukunft schauend neue Ideen zum
Zusammenleben vorstellen. Museumsbesucher*innen können sich ein
ausgewähltes Konfliktthema entlang einer Zeitachse anschauen: Wie wurde
vor 70, wie vor 50, wie vor fünf Jahren mit ähnlichen Konflikten
umgegangen? Was waren „gute“, was waren „schlechte“, was waren überhaupt
keine Lösungen?
Komplexität und Fragilität von
Einwanderungsgesellschaften spiegeln sich in der Fassade des Neubaus
wider: Sie zeigt neben einer Vielzahl geschichteter Ebenen Porträts von
Einwander*innen oder deren Nachfahr*innen. Sie sind reliefartig aus der
Materialschicht geschnitten und je nach Lichteinfall mal mehr, mal
weniger zu sehen. Die bauliche Erweiterung umschließt gleichsam wie ein
Mosaik der Einwanderungs-gesellschaft Deutschland den bestehenden Annex
des Museums und präsentiert sich als selbstbewusst eigenständiger
Gebäudeteil des Deutschen Auswandererhauses. Entworfen werden das
Gebäude und die Ausstellung von Andreas Heller Architects &
Designers, Hamburg.
Ein weiterer neuer Ausstellungsraum widmet sich der
Geschichte von Einwandererfamilien und ihrem Leben in Deutschland. Ihre
Erinnerungsstücke aus alten und neuen Heimaten stehen für die
generationsübergreifende Intensität von Migrationserfahrungen. Familiäre
Erzählungen geben Antworten auf die Frage: Wie gestalte(te)n sie ihren
Alltag in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Nachbarschaft? Wie
gehen sie mit der Erfahrung von Diskriminierung und Gewalt um und wie
setzen sie sich dagegen zur Wehr? Die Erzählungen reichen von Hugenotten
über „Ruhrpolen” bis zu jüdischen Kontingentflüchtlingen und
somalischen Geflüchteten.
„Wir sind in einer Situation, in der Viele eine Krise der
Demokratie bei der Bewältigung gesellschaftlicher Fragen wie der
Migration sehen“, erklärte die Direktorin des Deutschen
Auswandererhauses Dr. Simone Eick bei der Präsentation des Konzeptes.
„Wir möchten unsere Besucher*innen darin bestärken, sich eine Meinung zu
bilden: und zwar durch sachliche Diskussion und faire Behandlung
kontroverser Positionen.“ Zu diesem Zweck entwickelt das Museum neue
Kommunikationstechniken, die interaktiv und reflexiv sein werden. Den
Museumsbesucher*innen werden künftig Vergleichsmöglichkeiten angeboten:
Wie führten und führen andere Einwanderungsgesellschaften ihre Debatten,
wie lösten und lösen sie ihre Konflikte? Dafür ergänzt das Museum
seinen Ausstellungsteil zur europäischen Einwanderungs-geschichte der
USA, Kanadas und Australiens. Ein neuer Themenschwerpunkt hierbei wird
auch die Auswanderungsgeschichte osteuropäischer Jüdinnen und Juden
sein, von denen Hunderttausende über Bremerhaven nach Übersee gingen.
„Wir danken dem Bund, dem Land Bremen und der Stadt
Bremerhaven für die großzügige finanzielle Förderung und Unterstützung,
die es dem Deutschen Auswandererhaus ermöglicht, den gesellschaftlichen
Herausforderungen zu begegnen und das Museum für gegenwärtige und
zukünftige Themen weiter zu entwickeln“, sagte Simone Eick. Die
Neuausrichtung des Museums beinhaltet auch die Gründung der „Academy of
Comparative Migration Studies“ (ACOMIS), die baulicher Bestandteil der
Erweiterung sein wird. In der Akademie wird ein Bildungsinstitut zur
Museumspädagogik für Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung sowie ein
Institut für Migrationsforschung etabliert. Unterstützt durch die
Stiftung Deutsches Auswandererhaus werden die Wissenschaftler*innen des
Deutschen Auswandererhauses künftig gemeinsam mit Universitäten zu
historischen und vergleichenden Migrationsfragen forschen.
Die allgemeine Öffentlichkeit wird in dem „Pop Up-Museum“
angesprochen. Mit dieser außergewöhnlichen Präsentationsform öffnet
sich das Deutsche Auswandererhaus in die Stadt: Die einer Garage
ähnelnde Ausstellungsfläche wird in die Fassade zum Straßenraum hin
integriert und erlaubt einen begehbaren Einblick in das
Migrationsmuseum. Hier werden künftig Wechselausstellungen zu aktuellen
Migrationsthemen präsentiert – kostenfrei und für alle.
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
fördert den Umbau und die Erweiterung des Deutschen Auswandererhauses
mit 6.175.000 Euro. Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters
erklärte: „Die Geschichte der Aus- und Einwanderung war und ist Teil
unserer deutschen Geschichte. Es ist wichtig, dass Museen dies abbilden.
Sie leisten damit einen Beitrag zum Zusammenwachsen unserer
Gesellschaft und machen Vielfalt erlebbar. Das Deutsche Auswandererhaus
hilft dabei, Ursachen und Verläufe auch aktueller Migrations- und
Integrationsprozesse nachzuvollziehen. Künftig zeigt es beide
Perspektiven: die Geschichte deutscher Auswanderer und die Geschichte
jener, die nach Deutschland zuwandern. 7,2 Millionen deutsche und
osteuropäische Familien zogen seit Eröffnung des ersten Hafens von
Bremerhaven im Jahr 1830 aus in die Neue Welt. In den 1930er Jahren
waren es vor allem Juden, Intellektuelle und Künstler aus Deutschland,
die vor den Nazis flohen und als Emigranten überleben mussten. Dies gilt
es, in Erinnerung zu rufen, wenn wir heute über Migration sprechen.
Denn ein Blick in die Geschichte lehrt uns, die Gegenwart besser zu
verstehen.“
Dr. Claudia Schilling, Senatorin für Wissenschaft und
Häfen der Freien Hansestadt Bremen, zeigt sich sehr erfreut: „Das
Deutsche Auswandererhaus wächst mit seiner Erweiterung einmal mehr über
seine Rolle als Museum hinaus. Es entwickelt sich immer mehr zu einem
Ort der aktiven Forschung und des wissenschaftlichen Diskurses, an dem
Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenhalt oder Integration gestellt
werden. Ich freue mich daher, dass wir die Erweiterung des Deutschen
Auswandererhauses durch eine Kofinanzierung von über 6.175.000 Euro
unterstützen und so die Bremer Wissenschaftslandschaft bereichern
können.“
Melf Grantz, Oberbürgermeister der Stadt Bremerhaven, die
dem Museum das Grundstück für die Erweiterung zur Verfügung stellt,
ergänzte: „Das Deutsche Auswandererhaus ist ein kulturtouristischer
Leuchtturm in Bremerhaven mit nationaler Strahlkraft und eines der
bestbesuchten Museen in der Bundesrepublik. Die Stadt setzt mit der
Unterstützung des Deutschen Auswandererhauses ein Zeichen und bietet ein
hoch aktuelles Thema einem breiten Publikum an.“
Die Erweiterung und die Aktualisierung des Deutschen
Auswandererhauses wird während des laufenden Museumsbetriebes
durchgeführt – das Haus bleibt durchgängig geöffnet, wie die
Museumsmacher betonen. Die Rohbauarbeiten beginnen im November 2019. Ab
Herbst 2020 startet die Produktion der Ausstellung. Der Auswandererteil
des Museums ist durchgängig geöffnet. Die Einweihung des neuen Deutschen
Auswandererhauses ist für Frühjahr 2021 vorgesehen.
www.dah-bremerhaven.de

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